#Komfortzonen-Zielkonflikte – der lange Arm der Sozialisation

Vereinbarkeit hat viele Facetten, für mich heißt es schlichtweg: wir kümmern uns gemeinsam um unsere Kinder und unseren Haushalt. Punkt. Aus. Ende. Möglichst 50/50.

Als ich meinen Mann vor knapp 20 Jahren mit 18 kennen lernte, war vielleicht eher der Unterschied Unternehmersohn – Mechanikertochter ein trennendes Element als Ost-Hortkind und West–Vollzeitmamakind. Aber damals war das vielleicht auch der Reiz, und wir sind beide zusammen gewachsen und gereift. Als dann unserer Kinder mit Mitte 30 recht schnell hintereinander auf die Welt kamen, war es für mich überhaupt keine Frage, ob ich wieder arbeite, sondern eher, wann ich wieder anfange. Vollzeit kann ich mir aufgrund meiner Kindheit mit Vollzeit arbeitenden Eltern nicht vorstellen, das hat ganz klar Spuren hinterlassen.

Ich würde auch ganz klar behaupten, daß „maternal gatekeeping“ und „ich-mach-das-alles-allein-und-gehe-noch-arbeiten“-Mentalität mir definitiv nicht in den Genen liegen; meine Leidensfähigkeit ist da eher moderat ausgelegt. Außerdem brauche ich den Wettbewerb im betrieblichen Umfeld, dann laufe ich zur Hochform auf.

In einem klassisch westdeutschen Umfeld führte das zu Irritationen und Kommentaren; mein Mann wurde von der männlichen Peer Group recht stark für das tolle „klassische Modell“ begeistert, das aber spätestens an der Haustür entsorgt werden musste. Um ja nicht ohne Betreuung dazustehen, besorgte ich mir also sofort nach dem ersten Schwangerwerden die Adressen der Infragekommenden 2! Tagesmütter, und wartete ab. Interessanterweise ging ich von 2x Vollzeit als Status Quo aus, mein Mann von 1x Vollzeit und maximal 20h für mich, das war Konfliktpotential pur.  „Sei doch zufrieden, du arbeitest doch schon so viel“ kam bei mir angesichts von nur 24h gegenüber 40h vorher einfach nicht an, ich verstand es schlichtweg nicht. Da war auch innerfamiliär immer dieses Mantra, daß ich natürlich nicht mit 2 Kleinkindern „gleich“ wieder arbeite. Letztendlich hat unser erstes Kind das salomonisch gelöst, es krabbelte beim ersten Schnupperbesuch mit 5 Monaten fix zur Tagesmutter auf den Schoß und grinste uns total entspannt an. Somit 1:0 für mich, 8h Fremdbetreuung/Woche, und 8h Büro für Mama. Kind2 war mit 8 Monaten etwas später dran, da waren es dann aber gleich 24h/Woche. Beides war nie ein Problem, da unsere Tagesmutter einfach dazu geboren ist und es den beiden dort gut ging.

Außer stillen kann in meiner Vorstellung unabhängig vom Geschlecht jeder theoretisch alles, wobei meine bessere Hälfte um Welten besser kocht als ich, keinen dunkelschwarzen Gärtner-Daumen hat, aber dafür mit Finanzdingen nix am Hut hat und Einkaufswünsche bei mir ablädt, da ich ein gutes Händchen für Schnäppchen habe. Selbst unsere Kinder werden schon für kleine Aufgaben eingespannt, denn „die sauberen Klamotten fliegen nicht von allein in den Schrank“, wie Kind1 vor kurzem sehr treffend bemerkte. Wahrscheinlich habe ich als „Slacker Mom“ auch nichts anderes verdient als einen männlichen Putzteufel; aber das sitze ich einfach aus….

Mama stückelte also Arbeitsstunden, während Papa nach dem anfänglichen Urlaub natürlich weiterhin Vollzeit an der Karriere bastelte; die ursprünglich geplante hälftige Elternzeit fiel leider einem neuen Job zum Opfer.  Da wir exakt die gleiche Ausbildung haben (aber 3 Jahre zeitversetzt) und in der gleichen Firma arbeiten, war (leider) schön zu sehen, wie er von -3 auf +1 vorbeizog; und ich muss zugeben, damit hatte und habe ich immer noch ein Problem. Ausbildungsentsprechend zu arbeiten ist für mich ein wichtiger Baustein, um unabhängig zu sein, eigene Rentenansprüche aufzubauen und auch vor allem innerhalb einer Beziehung eine gesunde Machtverteilung zu haben. Meine Ausbildung hat mich viel Kraft und Zeit gekostet, und außerdem brauche ich die Herausforderung in beiden Welten. 8h Büro sind meist entspannter als 2 Miniterroristen.

Heute arbeiten wir 40+32, die Kinder gehen in den Kindergarten und 3 Tage in eine angeschlossene Großtagespflege und wann immer mal wieder angeblich die männliche Komfortzone zu klein ist, muss der Dampf eben im Diskurs abgelassen werden. In der Firma gibt es mittlerweile auch eine Arbeitsgruppe „Beruf&Familie“, weil die Vereinbarkeit für immer mehr männliche Mitarbeiter ein Thema wird und der Arbeitgeber das in die Personalarbeit integrieren muss, um attraktiv zu bleiben.

Natürlich ist es schön, wenn all die Kumpels im Sommer jeden Abend ihrem Sport frönen können, weil zu Hause die Frau alles wuppt, aber das gibt es bei uns eben nicht. Zum einen sind unsere Kinder mittlerweile sehr wohl in der Lage, die aktive Beteiligung ihres Vaters einzufordern und zum anderen nehme auch ich mir das Recht, mir Freiräume zu schaffen. Und wenn ich mitkriege, wie um uns herum reihenweise Beziehungen/Ehen in die Brüche gehen, weil eben nicht jeder genug Freiräume hatte und alles sehr ungleichmäßig verteilt war, dann bin ich froh, daß wir das so hinkriegen. Auch wenn es immer wieder wegen der Komfortzonen-Zielkonflikte lautstark knallt….