Wie viel dürfen Familien wollen?

Die Sommerzeit ist ja oft purer Horror für Familien, in denen Urlaub und Schul/Kigaferien nicht komplett kompatibel sind. Wann bricht uns die Vereinbarungslogistik das Genick, als Person und auch als Paar…

In diesem Jahr habe ich diesen Wahnsinn fast hinter mir, 3 Wochen Urlaub vor den Schulferien wegen der KollegInnen mit Schulkindern, aber der Kindergarten hat 3 Wochen Schließzeit in den Schulferien.   Betreuungs-Tetris pur, was mein jüngstes Kind extrem schlecht mitmacht und neue Probleme verursacht.

Vor kurzem unterhielt ich mich mit einer Studienfreundin, die 2004 nach unserem gemeinsamen MBA in den USA in die Niederlande ging und nun dort lebt und arbeitet, mit Mann und 2 Kindern. Natürlich ist sie auch gestresst, aber auf einem anderen Level. Da sie ein Haus gekauft haben, gehen natürlich beide arbeiten, aber 80% (32h). Wegen der Kinder. Beide Eltern. So einfach ist das. Die Krippe und die Kita sind beide in einem Kinderhaus, relativ gut ausgestattet und mit liebevollen ErzieherInnen. Beide Eltern haben ein gutes Gefühl, dass die Kinder dort gut aufgehoben sind, am Di+Mi+Do regulär und manchmal auch öfter und länger.

Sie meinte zu mir: Ich habe etwas dazubekommen, aber ich bin immer noch ich“.

 

Eine Arbeitskollegin in Stockholm ist ebenfalls berufstätig, im Moment 30h/Woche, teilweise mit Home Office. Ihre Kinder gehen wie meine in einen Waldkindergarten, sind also viel an der frischen Luft, haben Spaß und freuen sich des Lebens. Natürlich geht auch der Vater arbeiten, in dieser Familie hat er aber trotz Führungsjob für 5 Jahre reduziert. Weil die Kinder auch Zeit mit dem Vater brauchen. So einfach ist das. Und er sagte mir auch ganz klar, dass ja wohl seine Einstellung zur Arbeit sich doch durch die Kinder nicht verschlechtert, nur eben anders ist. Bis jetzt scheint er da richtig zu liegen, mit der Beförderung klappt es trotzdem.

So etwas nennt man neudeutsch „lebensphasenorientierte Personalpolitik“ und ich hoffe, dass irgendwann auch in D die Eltern ihre Kinder mit dem Zeitkontingent sehen und erziehen können, die sie für richtig halten und brauchen. Hoffentlich hören dann auch die häufigen Komfortzonen-Diskussionen auf. Denn selbst wenn man so ein seltenes „emanzipiertes“ Exemplar mit Anfang 20 „erwischt“ hat, kann sich mit Mitte 30 bei der Geburt der Kinder dann doch noch die Peer Pressure als großes Problem herausstellen, welches die Familie und die Partnerschaft immer wieder mit nagenden Worten und Taten sabotiert.

Warum ist es so eine großes Schwierigkeit, Arbeitszeiten und Betreuungszeiten in den Kitas und Schulen zu harmonisieren? Nicht jedes Elternteil arbeitet nur von 9-12 Uhr und jeder von uns möchte die Kinder gut betreut wissen. Warum darf in Niedersachsen der Waldkindergarten nur max. 5h dauern, in anderen Bundesländern dürfen die Kinder auch länger draußen bleiben? Warum sagt uns der örtliche Schulleiter bei der ersten Besprechung für die Schulkinder 2015 als Grund für die geringe Anzahl von Hortplätzen (10% Abdeckung), dass die Schule davon ausgeht, dass mittags um 12:30 Uhr ein Elternteil zu Hause ist? All dieses Herumorganisieren frisst so viel Energie, es lässt mich damit hadern, dass ich überhaupt berufstätig bin als Mutter.

Würde es aber wirklich etwas ändern, wenn ich nicht berufstätig wäre? Ich würde kein Einkommen mehr haben, keine gesetzlichen Rentenansprüche mehr sammeln, meine Fachkenntnisse wäre nach kurzer Zeit nicht mehr aktuell und der Wiedereinstieg nach einigen Jahre wäre auf gleichem Gehaltsniveau mehr als unrealistisch. Und mein Mann hätte die alleinige Last auf der Schulter, den Lebensunterhalt zu verdienen und meinen momentanen 46%-Anteil am Familieneinkommen durch Mehrarbeit zu kompensieren. Unsere Kinder würden den Vater wahrscheinlich nur noch am Wochenende sehen.

Aber jeden Tag sehe ich, dass meine Kinder uns beide brauchen, zum erzählen, fragen, überlegen, vorlesen und was sonst noch so anfällt. Das kann und will ich nicht allein übernehmen, denn es übersteigt meine Kräfte und wird unseren Kindern nicht gerecht. Was ich mir wünsche? Ich möchte Frau, Mutter und Arbeitnehmerin sein, trotz der Kinder … und immer noch ein Mensch mit eigenen Bedürfnissen.