„Und raus bist du“ – wie die Vereinbarkeit die Mütter aus der Kurve fliegen lässt

Zum Muttertag hat der Hashtag  #Muttertagswunsch gezeigt, dass noch viel im Argen liegt und Sonja von http://www.mama-notes.de hat dazu ebenfalls eine schonungslose Begutachtung ihrer Vereinbarkeitslage geliefert. Mich hat das auch zu einem Artikel inspiriert, weil ich ein wenig aus dem Rahmen falle.

Aber nun Butter bei die Fische: warum fliegt man aus der Kurve, auch wenn man sich mit Händen und Füßen wehrt? It’s the system stupid!

Eigentlich hatte ich alles richtig gemacht, „was richtiges (BWL) studiert“, danach mit Stipendium in den USA noch ’nen MBA draufgepackt und dann wegen des Mannes zurück nach Deutschland und im Konzerncontrolling auf die Startrampe. Doch das Leben hielt sich nicht an die klassische Leiterkarriere…

Der Mann bekam trotz Traumnoten wegen Umstrukturierungen seiner Branche keinen Job und musste umdisponieren. Dummerweise ging das am einfachsten in den USA, und schon war der Traum von der geradlinigen Karriere ausgeträumt. Transatlantische Beziehungen lagen uns nicht, also suchte ich mir was lokales mit „hire-and-fire“-Vertrag. Dort waren nur meine Kenntnisse wichtig, nicht das „gefährliche Alter“ um die 30, während in D nach der 2. Rückkehr 4 Jahre später aufgrund der Alters erstmal nur ein befristeter Vertrag heraussprang. Egal, ich wollte unbedingt im Konzern bleiben, weil ich mir immer noch Hoffnung machte und Erfolge vorweisen konnte. Auch die typischen Frauenfehler (unauffälliger Fleiß in der stillen Ecke) machte ich nicht, und nahm alles mit, was es an Networking, Weiterbildung und sonstigen Projekten so gab. Dabei sprang schon mal ein Rennwochenende auf dem Oscherslebener Ring heraus.

Aber irgendwie ging es nicht weiter und ich wurde älter. Dann stand doch die erste wichtige Beförderung bevor und ich wurde schwanger, und natürlich sollte ich mich erstmal ums Kind kümmern und „das mit der Beförderung schauen wir dann später“. Daraus wurde dann „nie“, obwohl ich nach 7 Monaten schon wieder mit ein paar Stunden im Büro/Home Office zurück war, und kräftig im SAP aufräumte (Dinge, die man immer mal tun wollte und nie dazu kam..). Nach 18 Monaten und 57Minuten kam Kind2, schließlich war ich nicht mehr die Jüngste und so war das ein Abwasch. Nach 9 Monaten stand ich wieder im Büro. Aber auch dann ging da nix mehr, der Karrierewagen spuckte und hustete, während mein Mann munter die Stufen erkletterte. Glücklicherweise erweiterte ich konsequent meine Kenntnisse, baute diverse Bereiche aus/auf und hatte einen guten Ruf innerhalb der Firma. Mehrere Kolleginnen bezogen sich auf mein Arbeitsmodell, um ihrerseits mit mehr als 20h auf öden Stellen wiedereinzusteigen.

Nach dem 3. Geburtstag von Kind2 arbeitete ich nun 32h, fehlte max 3 Tage im Jahr wegen kranker Kinder und hielt die Augen offen. Aber irgendwie stand immer noch der Alpha-Mitarbeiter hoch im Kurs: männlich, jung, immer anwesend und ohne jeglichen privaten Verpflichtungen. Die Chefs hatten fast unisono „traditionelle Ehen“ und machten es den Frauen noch schwerer, so dass die wenigen auf der ersten Karriereleiter schnell noch mit 38/40 ein Kind bekamen und dann weitermachten mit Hilfe von Oma/Opa oder diversen anderen Hilfen. Die anderen guckte in die Röhre…

Tja, und da konnte ich nicht an mich halten und habe erst die ausländischen KollegInnen zu Elterngeld und Elternzeit beraten und dann mit ein paar anderen Kolleginnen so lange genervt, bis man sich unsere Berechnungen zur Firmenkita doch mal ansah und daraufhin dann ganz fix eine baute. Ingenieure kriegt man mit Zahlen und Charts am besten. Es kamen die ersten Kommentare, doch jetzt Ruhe zu geben.

Wir wollten aber mehr, Ferienbetreuung für Kita/Schule gab es nicht, obwohl die Konzernspitze immer ganz viel davon sprach, zumindest in der Öffentlichkeit. Die nach viel Druck eingerichtete Arbeitsgruppe bestand dann aus mehreren Führungskräften mit Kindern, mir und 3 kinderlosen Personalerinnen. Ideale Ausgangsposition. Die schöne Gap-Analyse und das Benchmarking zeigten erstaunliches Potential zur Mitarbeiterentlastung, trotzdem verschwand alles in der Schublade, und unser Betreuungsproblem bestand weiter.

Auch innerhalb des Konzern fingen die Frauen an, sich zu vernetzen und tauschten untereinander Informationen aus. Manche Standorte hatte das mit der Work-Life-Integration erstaunlich gut verstanden und so langsam kam auch von ganz oben ein entsprechender Impuls in Form von Frauen an der Spitze. Auch das fand ich extrem spannend, neue Digitalprojekte starteten und ich war immer vorn dabei, aus Neugier und Drang nach Weiterentwicklung.

Zwischenzeitlich hatte ich einen letzten Versuch unternommen, um in die nächste Etage zu gelangen, neuer Bereich, wieder komplett etwas analysieren, restrukturieren und so fort. Dummerweise sollte ich dann aber in 32h den Job von 2 Leuten machen, und dann wurde auch noch klar, dass die Abteilung einen fiesen Verschleiß des Humankapitals hatte. Zu spät, aufgeben war keine Option und außerdem hatte ich immer auch den Anspruch, einen Job zu beenden. Aber diesmal war alles anders, trotz erneuter guter Ergebnisse und schriftlicher Rückmeldung anderer Abteilungen flogen die Sargnägel nur so im Tiefflug und ich konnte und wollte so nicht mehr arbeiten. Die Jobsuche im Umkreis mit Angabe der Kinder ergab: NICHTS. Die Jobsuche ohne Kinderangabe in ganz D ergab: geile Jobs. Mittlerweile war man zur Mobbingstufe übergegangen, auch der Betriebsrat war involviert und dann implodierte an einem Dienstag alles: Supergau bis ganz nach oben, und ich hatte natürlich Wochen vorher schriftlich auf die Problematik hingewiesen. Wie ich zum Glück immer ganz strukturiert analysiert und schriftlich auf die Probleme hingewiesen hatte. Letztendlich hat man sich geeinigt und ich startete meine Auszeit, mit einem neuen Job in der Tasche. Parallel zum Terror im Büro hatte ich einen neuen Bewerbungsrundlauf offensiv mit Kindern + 32h gestartet und siehe da, 4 tolle Angebote in der Stadt mit richtig guten Optionen. Ein Angebot war zu schön, um wahr zu sein, und da arbeite ich heute und möchte dort auch die nächsten 27 Jahre bleiben 😉

Ich bin zu lange einer möglichen Karriere im Konzern nachgelaufen und bin doch froh über (fast) alle Erfahrungen, auch wenn ich nun sehe, dass es auch anders geht. Aber ich weiß, dass ich diese neue Chance nur erhalten habe, weil ich mit 40 auf 18 Berufsjahre zurückblicken kann und umfangreiche „marktfähige“ Kenntnisse habe. In meiner Auszeit letztes Jahr habe ich zuerst mal viel geheult, dann ausgeräumt/weggegeben und unser Leben entschlackt. Und angefangen, mich politisch zu engagieren; denn ich bin auch emotionslos genug, dass sich so schnell nichts ändern wird ohne Engagement. Zwar werden die Betreuungskapazitäten ausgebaut, aber es ist immer noch ein Kampf um bedarfsgerechte Zahlen. Inspiriert hat mich Christine von http://www.mama-arbeitet.de, hoffentlich klappt es mit dem Stadtratssitz. Ansonsten habe ich zur Not noch mein Promotionsprojekt über Opportunitätskostenmodelle in der Personalplanung….

Und auch im Umfeld ist viel Unruhe, denn in den letzten 2 Jahren sind mehr als 8 Beziehungen in die Brüche gegangen, alle mit Kindern. Da die Mütter hier normalerweise nicht oder nur wenig arbeiten, hat nur eine den Sprung in den Job (zurück)geschafft. Das schafft auch viel Konfliktpotential, wenn das eigene Familienmodell so gar nicht der Umgebung entspricht. Es ist ein permanenter Kampf und die üblichen Poker-Asse (Mann verdient mehr, hat den wichtigeren Job) ziehen nicht. Aber so langsam bin ich müde, immer wieder klarmachen zu müssen, dass ich eben nicht die klassische Hausfrau sein möchte und in beiden Welten unterwegs sein will. Andererseits muss mein Mann nicht die Alleinverdienerbürde tragen, meine Rentenprognose sieht akzeptabel aus und meine Söhne lernen Mutter/Vater jenseits der Stereotype kennen. Und so langsam habe ich wieder Lust auf Tempo, aber das geht nur bei fairer Verteilung von Arbeit, Kindern und Haushalt.

Für mich ist und bleibt 50/50 das Ziel, ich kann nicht anders…..

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3 Kommentare zu “„Und raus bist du“ – wie die Vereinbarkeit die Mütter aus der Kurve fliegen lässt

  1. Pingback: Bloggerhausen Nr 7. – Special Edition "Vereinbarkeit"

  2. Ich bin sehr gespannt, wie sich das Thema Vereinbarkeit von Familie und Job bei mir entwickeln wird. Für mich ist diese gesamte Situation irgendwie sehr verstörend, da ich selbst so aufgewachsen bin, dass immer beide Elternteile arbeiten waren.
    Doch schon bei den Voranmeldungen für einen KiTa-Platz für das kommende Jahr fällt auf, dass das wohl nicht so einfach wird. Fester Start für neue Kinder nur einmal im Jahr und die Betreuungszeiten sehr durchwachsen. Das wird es nicht leichter machen…
    Schön, dass du nach allem Auf und Ab schlussendlich eine Lösung für euch gefunden hast. 🙂

  3. Pingback: #Vereinbarkeitsgeschichten Teil 2 - Vereinbarkeitsblog

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